Performance Archive (phantom cigarette) – Performance Art Archive / The Black Kit und Ivan Cheng

Die Ausstellungsreihe 2017 im Q18 steht im Zeichen des Performativen. In vier Veranstaltungen wird das Thema von verschiedenen Perspektiven und künstlerischen Ansätzen aus beleuchtet. Prozess, Experiment und Kollaboration sind hierbei die Eckpfeiler des kuratorischen Arbeitens, bei dem der Ausstellungsraum Q18 den Rahmen für verschiedene Momentaufnahmen einer andauernden Recherche zum komplexen Thema der Performance bietet und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Mit der ersten Ausstellung „Archive Performance (phantom cigarette)“ erfolgte eine Annäherung an den Begriff der Performance im Allgemeinen und an das Archivieren von Performance im Speziellen. Impulsgebend war hierbei das im Quartier am Hafen ansässige „Performance Art Archive“, das 1981 unter dem Namen „Schwarze Lade / Black Kit“, als eine „organisch ständig wachsende Ideenbank“ (www.asa.de) entstand und inzwischen zahlreiche Dokumente, Portfolios, Zeitschriften, Bücher sowie Video- und Audiomaterial zur internationalen Performance- Kunst beherbergt.

Der Körper als natürlicher Speicher von kollektivem Wissen und individueller Erfahrung, „der sich ständig erweiternd reproduziert“ (www.asa.de) steht der klassischen Vorstellung eines Archivs als Ort, an dem konkretes Wissens in physischer oder auch digitaler Form bewahrt wird, gegenüber. Gerade im Hinblick auf die Performance als bewusst gewählte vergängliche, immaterielle Form der Kunstproduktion sind Fragen nach der Sinnhaftigkeit und Legitimation, aber auch nach der Notwendigkeit ihrer Dokumentation und Archivierung allgegenwärtig.

Geleitet und stetig erweitert wird das Kölner Archiv von Boris Nieslony, dessen diagrammatisch ausgerichtete Auseinandersetzung mit dem Material sich in einem monumentalen Bodendiagramm (Boris Nieslony und Gerhard Dirmoser) der Ausstellung wiederfand. Eine komplexe kontextuelle und dennoch subjektive Annäherung an den Begriff der Performance mit semantischen und wissenschaftlichen Verlinkungen transportierte die Archivstruktur als grafisches Element in den Ausstellungsraum. Mit ihren Schlagwörtern wurde die Grafik zum informativen Impulsgeber rund um das Thema, welches sich die Ausstellungsbesucher mit Taschenlampen peu à peu erschließen konnten. Darüber hinaus leitete sie als „choreografische“ Notation die Bewegung der Lesenden vertikal und horizontal durch den Raum.

Mit einer Video-Performance Ivan Chengs, welche direkt im Kölner Performance Archiv von Stefan Ramírez Pérez gefilmt wurde, traf ein individuelles Archiv auf das andere. In seinen „bad readings“ sampled der junge Performer, Autor und Kurator mehr intuitiv als systematisch Textfragmente verschiedenster Quellen und Kontexte und lässt sie in erster Linie sprachlich in Erscheinung treten. Kuriose Requisiten, Kostüme, Settings, aber auch sparsame Bewegungen, Gesten, Mimik ebenso wie vokalistische Exkurse setzen Akzente, die das ohnehin keiner narrativen oder thematischen Linie folgende Gesagte nur scheinbar logisch ergänzen – stattdessen wird es noch weiter in alle Richtungen geöffnet. Die Dekonstruktion jeglicher Zusammenhänge durch Chengs „Textdropping“ führt zu einer weniger wissenschaftlichen, als vielmehr lyrischen, persönlichen und fiktionalen Neuinterpretation der Ausgangsliteratur. Auszüge früherer Performances Ivan Chengs und seine reflektierende Präsenz im Kölner Archiv überlagern sich bildnerisch und sprachlich und zogen, wie auch das Bodendiagramm, performative Unmittelbarkeit und analytische Dokumentation zusammen.

Die scheinbare Dialektik von Performance und Archivierung ebenso wie die Unmöglichkeit der Objektivität und der Vollständigkeit eines Archivs und noch weiter – auch die gezielte Überforderung des Zuschauers durch die semantische Dichte der Textfragmente in Chengs Performances – kamen innerhalb der Ausstellung weniger als kritische Fragestellung als vielmehr in ihrer künstlerisch-poetischen Qualität zum Tragen.

Eine Live-Performance Ivan Chengs am Eröffnungsabend transportierte den konzeptuellen Ansatz der Ausstellung weiter auf eine direkte physisch erfahrbare Ebene.

Ivan Cheng
Studium, Royal Academy of Music, Sydney Conservatorium of Music, Critical Studies am Sandberg Instituut, Amsterdam, lebt und arbeitet als Performer, Kurator, Autor, Dramaturg, Klarinettist etc. in Amsterdam
www.ivancheng.com

Boris Nieslony
Mitbegründer des Künstlerhaus Hamburg 1977, diverser „Live Art Situationen“ seit 1981, z.B. „Das Konzil“, von Kollektiven wie „Black Market International“, „PAErsche“ etc. und Performance Art Archive / The Black Kit seit 1981
ww.blackkit.org
www.liveartarchive.eu/archive/artist/boris-nieslony